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D Autoren Internetinterview mit Renate Welsh
16.02.2008 15.52 Uhr


Internetinterview mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Renate Welsh

Es ist 8.40 Uhr. Die Klasse 5c des Kronberg-Gymnasiums hat sich mit ihrem Lehrer, Herrn Pfeifer, im Computerraum im zweiten Stock eingefunden. Der Beamer projiziert ein großes Rechteck auf die Rückwand des Zimmers. Es zeigt die Benutzeroberfläche eines E-Mail-Programmes. Die Schüler schauen gespannt, ob sich tatsächlich Renate Welsh, die Autorin der ersten Klassenlektüre im Deutschunterricht der fünften Klasse, auf ihre Fragen hin meldet.

 

Guten Morgen Frau Welsh, vielen Dank für Ihre Bereitschaft, mit uns diese Stunde zu verbringen. Sitzen Sie schon am Computer?

Auch schönen guten Morgen! Ich bin schon gespannt auf Eure Fragen und auf Eure Meinungen.

 

Wir haben Ihr Buch „Drachenflügel" als Lektüre gelesen. Warum haben Sie gerade diesen Titel gewählt?

Weil er neugierig macht, weil Drachen bei uns gefährlich, im Osten aber Glücksbringer sind, also "doppelgesichtig", weil man bei Flügeln vielleicht an eine dicke Henne denkt, die ihre Küken unter ihren Flügeln beschützt, vielleicht an einen Adler... Im Zusammenhang mit Drachen bekommt das Wort für mich so einen metallenen Glanz.

 

Manche Schüler von uns mögen Bücher über Drachen. Diese waren etwas enttäuscht, als sie erfahren mussten, dass das Buch „Drachenflügel" gar nicht von Drachen handelt.

Kann ich gut verstehen. Wenn man auf eine schöne Drachengeschichte hofft, muss man ja enttäuscht sein. Aber es gibt ja auch z. B. Drachen im übertragenen Sinn.

 

Ein wichtiger Inhalt des Buches ist die Behinderung des Bruders der Hauptfigur. Hatten Sie schon einmal etwas mit Behinderten zu tun? Haben Sie behinderte Verwandte oder Freunde?

Ich habe mehrere Sommer lang mit behinderten Menschen Schreibwerkstätten gemacht. Einer unserer besten Freunde sitzt im Rollstuhl (er hat Multiple Sklerose) und wohnt bei uns im Haus. Er und ein Lektor, der inzwischen leider gestorben ist, haben es verstanden, ihrer körperlichen Behinderung eine geistige Akrobatik entgegenzusetzen. Wichtig ist vielleicht auch noch, dass ich vor vielen Jahren aus einem Baum fiel und mir den Hals brach, danach war es nicht sicher, ob ich je wieder gehen würde, schlimmer noch für mich war, dass ich nicht sprechen konnte, bzw. etwas ganz anderes sagte, als ich wollte. Das hat mir gezeigt, wie sehr ich davon abhängig bin, alles "richtig" zu machen.

 

Was hat Sie inspiriert, über behinderte Menschen zu schreiben?

Das ist schwer in Kürze zu sagen. Einerseits glaube ich, wie wir mit den Schwächsten umgehen, zeigt ganz genau, wie es um unsere Gesellschaft, um unseren Umgang mit Gerechtigkeit bestellt ist. Andererseits habe ich viel von behinderten Menschen gelernt. Schon am Ende der ersten Freizeit, die ich geleitet hatte. Ich war drei Wochen lang immer nur lieb und geduldig gewesen (Uff!), am vorletzten Abend riss mir die Geduld, weil einer um Mitternacht absolut nicht ins Bett gehen wollte, obwohl er schon fünfmal im Rollstuhl eingenickt war. Ich brüllte wie eine Halbirre: Du glaubst, du kannst uns alle tyrannisieren, bloß weil du nicht laufen kannst, siehst du nicht, dass Andreas (sein Assistent) schon vom Stuhl fällt vor Müdigkeit usw. Plötzlich erschrak ich. In einem Moment, dachte ich, hätte ich alles kaputt gemacht, was ich aufgebaut hatte. Ich schämte mich sehr. FJ (er hieß wirklich wie euer Lehrer, ich kann nix dafür) rollte zu mir herüber und lachte. "Jetzt weiß ich, dass du mich magst", sagte er.

 

Wir finden es gut, dass Sie den Menschen gezeigt haben, dass man auch mit einer Behinderung noch Freude am Leben haben kann, dass man behinderte Menschen ebenso gern haben kann wie nicht behinderte. Deshalb treffen wir uns nun auch in regelmäßigen Abständen mit Schülern der Comenius-Schule.

Die Reaktionen der Menschen auf Jakob, Annes behinderten Bruder, fanden wir sehr schade, dass sich Leute einfach umdrehten und ihn nicht anschauen wollten.

Ein junger Rollstuhlfahrer erzählte mir, wie sehr er sich gefreut hat, dass ein kleiner Junge zu ihm lief und fragte, warum er denn da sitzt, und die Antwort "weil meine Beine zu nichts nütze sind" dumm fand. Er korrigierte: Doch, sie sind nütze. Wo würdest du sonst Socken anziehen? Die Mutter wollte den Kleinen unbedingt wegziehen, weil "man Leute nicht anquatscht, nicht anstarrt" usw. Sie meinte es ja gut, aber...

 

Wir hätten Anne weitere Freunde gewünscht. Es ist traurig, dass sie zunächst keine Freunde und dann nur Lea hat.

Es ist nicht einfach für Familien wie die Annes, andere Menschen an sich heran zu lassen, und ebenso schwierig für die "gesunden", die sich oft nicht trauen, einfach "normal" zu sein.

 

Warum ist Jakob am Schluss der Geschichte nicht gesund geworden? Wäre das nicht ein schöneres Ende gewesen?

Ein schöneres Ende gewiss, aber es gibt leider Krankheiten, gegen die auch die besten Ärzte hilflos sind. Ich weiß noch, wie ich schlucken musste, als Eltern in einer Schreibwerkstatt die Aufgabe bekamen, einen Erfolg zu beschreiben. Ein Vater schrieb: Der schönste Erfolg war für uns, als unser Sohn an seinem 18. Geburtstag zum ersten Mal zurücklächelte.

 

Wie lange haben Sie denn an dem Buch geschrieben?

Sechs Monate, vorher länger Tatsachen gesammelt und überlegt.

 

Haben Sie noch andere Bücher zum Thema "Behinderung" verfasst?

Zwei - ein Fotobilderbuch "Stefan", ein Kinderbuch und eine Kurzgeschichte „187
Stufen".

 

Haben Sie schon in Ihrer Kindheit gerne Geschichten geschrieben?

Ja, immer. Ich lege euch die wahre Geschichte meiner ersten "Bücher" bei.

 

Warum wollten Sie Autorin werden?

Weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich immer schon davon träumte aber es nie für möglich hielt, dass ich diesen Traum tatsächlich verwirklichen könnte.

 

Ist der Job stressig?

Ja, weil man sich immer an den eigenen Grenzen blutig stößt, aber es ist auch ein ganz wunderbarer Beruf, der viel Freude macht.

 

Verdient man als Schriftsteller gut?

Ich verdiene inzwischen ziemlich gut, bin ja auch extrem fleißig, reich werde ich nie.

 

Warum haben Sie sich in das Buch "Vamperl soll nicht alleine bleiben" selbst "hineingeschrieben"?

Die Idee hat mir einfach Spaß gemacht. Wenn ich schreibe, sind die Figuren für mich so "wirklich", dass ich mich nicht wundern würde, wenn sie mir z. B. Vorwürfe machten.

 

Was hat Sie zur Figur des Vamperl inspiriert?

Ein völlig unnötiger Verkehrsstau und viele wütende Autofahrer. Da fiel mir meine Oma ein, die oft sagte: Ach, was seid ihr heute voller Gift und Galle! Man müsste jemanden erfinden, dachte ich, der den Leuten das Gift aus der Galle saugt, und das müsste jemand sein, von dem alle nur das Schlimmste erwarten.

 

Wie heißt denn ihr neustes Buch und von was handelt es?

Es wird heißen "Draus bist du" und handelt von einer Familie, die fürchten muss, abgeschoben zu werden.

 

Welches Ihrer eigenen Bücher ist Ihr Liebling?

Das nächste!

 

Einige von uns sind richtige Leseratten. Haben Sie auch als Kind gerne Bücher gelesen?

Ich habe alles gelesen, was mir unter die Hände kam. Am liebsten Bücher aus dem versperrten elterlichen Schrank.

 

Lesen Sie auch heute noch gerne oder sind Sie vor allem mit dem Schreiben
eigener Bücher beschäftigt?


Ich lese sehr gerne, lange Lesereisen sind für mich immer Lesezeiten. Ich lese auch in der U-Bahn usw. Aber oft muss ich mich in ein Thema beim Recherchieren einlesen, das ist dann eher Arbeit.

 

Womit beschäftigen Sie sich sonst  in Ihrer Freizeit?

Wandern, Musik hören, Freunde sehen...

 

Die Fünf-Zeh liest nicht nur gerne, sondern ist auch eine sehr fußballbegeisterte Klasse Deswegen müssen wir  Sie fragen, ob Sie Fußball mögen, Fan eines Vereins sind oder sich gerne das Spiel Deutschland gegen Österreich angeschaut hätten, wenn Sie es nicht tatsächlich im Stadion gesehen haben.

Jetzt muss ich leider zugeben, dass ich von Fußball so gut wie nichts verstehe. Ich war ein einziges Mal in einem Stadion, da hatte mich ein 9-jähriges fußballverrücktes Mädchen eingeladen, die hat mir damals alles erklärt und das war toll. Manchmal sitze ich neben meinem Mann, wenn er ein Spiel im Fernsehen anschaut, aber Deutschland gegen Österreich haben wir nicht gesehen, da musste mein Mann zu einem Hausbesuch davonlaufen (er ist Arzt) und ich hab friedlich gearbeitet, bis er sehr spät zurückkam.

 

Vielen Dank für die ausführliche Beantwortung so vieler Fragen. Es war sehr interessant für uns. Leider ist jetzt die Stunde und schon die halbe Pause um und wir müssen leider Schluss machen. Vielen Dank und einen schönen Tag im hoffentlich sonnigen Wien!

Viele Grüße und alles Liebe, Ihr Fünfzeherinnen und -zeher! Eine kluge Klasse haben sie da, lieber Herr Pfeifer.

Herzlich,
Renate Welsh

 

Renate Welsh wird am Abend des 09.06.08 am Kronberg-Gymnasium ein Werkstattgespräch für interessierte Eltern, Lehrer und Schüler halten und am 10. oder 11.06.08 zwei Lesungen für Schüler der Unterstufe.

Wir freuen uns schon auf ihr Kommen.

Pfeifer

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