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D Projekt Vergessenes Wort Projektende
13.02.2008 10.25 Uhr


Fasziniert vom „Moosäugelchen"

Schüler des Kronberg-Gymnasiums suchen und finden vergessenes Worte in Romanen vergangener Epochen

Dichter können gemein sein - vor allem, wenn sie schon eine Weile tot sind. Catharina Regina von Greiffenberg zum Beispiel schreibt in einem ihrer Barockgedich­te: „Es würkt den Wachsthums Safft in Erd- und Sternen-Brüsten." Was meint sie bloß? 17 Schüler des Kronberg-Gymnasiums haben der verges­senen Sprache in einer Projektarbeit nachgespürt. Ihre Ergebnisse sollen im Herbst als Buch erscheinen.

Die Gedjchte, Novellen und Romane, die die Schüler der elften und zwölften Klassen unter die Lupe genommen ha­ben, stammen nicht nur aus dem Barock. Auch Werke aus Klassik und Modeme hat Projektleiterin Dr. Katrin Bibiella vorgeschlagen - denn manches vergesse­ne Wort war noch vor wenigen Jahrzehn­ten in aller Munde.

2005 hat Bibiella, die bei Mainz lebt, das Projekt zum ersten Mal an einer Schule angeboten; das Kronberg-Gym­nasium war deutschlandweit die sechste Schule, mit der sie zusammen gearbeitet hat. Es sind jedes Mal andere Bücher, die die Literaturwissenschaftlerin den Schülern zur Verfügung stellt. Diesmal waren viele Werke von Frauen dabei: Nelly Sachs und Christine Lavand, Anna Seg­hers, Catharina Regina von Greiffenberg und Marie-Luise Fleißer. Letztere hat den 17-jährigen Philipp Elsesser nur we­nig begeistert. Er hat ihre „Erzählungen" gelesen - und fand sie „überhaupt gar nicht gut, weil das Buch so düster ist". Und anstrengend zu lesen. Trotzdem fin­det Philipp, dass ihm das Projekt etwas gebracht hat. „Man hat ja viel über die Sprache gelernt, wie man sich ausdrückt und in welchen Zusammenhängen wel­che Art von Sprache angebracht ist". Und immerhin: „Es waren auch sehr schöne Passagen dabei", räumt Philipp ein.

Das vergessene Wort, das Philipp wohl so schnell nicht mehr vergessen wird, heißt „wepsig". Was es bedeutet, weiß der Elftklässer jetzt: nervös oder unruhig. Selbst verwenden will er es deshalb noch lange nicht. Seine Klassenkameradin Katrin Krebs ist fasziniert vom Wort „Moosäugelchen", das sie in Anna Seg­hers Roman „Das Siebte Kreuz" gefun­den hat. Was wohl wäre, wenn heute ein junger Mann sie so ansprechen würde? „Im ersten Moment müsste ich wohl lachen", glaubt Katrin. „Aber dann fände ich es eigentlich kreativ von ihm, wenn er sich so was überlegt."

Vier Monate lang haben sich die Schü­ler unter Anleitung der Literaturwissen­schaftlerin Bibiella und der Pädagogin Angelika Humann mit den Texten be­schäftigt: Sie erst gelesen, dann Worte, Sätze und Metaphern herausgesucht, die sie besonders poetisch finden. In einem zweiten Schritt haben die Jugendlichen einen Aufsatz geschrieben, in dem sie ihr Verhältnis zur Sprache im Allgemeinen und zu „ihrem" Buch im Besonderen for­mulieren. Diese Texte sollen im Septem­ber als Buch auf den Markt kommen.

Zunächst aber haben die 17 Mädchen und Jungen am Montag ihre Teilnahme­urkunden erhalten. Außerdem bekommt jeder von ihnen 80 Euro dafür, dass er oder sie die Nase in die alten Bücher ge­steckt hat, die Bibiella zum Teil nur anti­quarisch besorgen konnte. Finanziert wird diese Aufwandsentschädigung ge­nau wie das gesamte Projekt von der Mainzer Lenz-Stiftung zur Erneuerung geistiger Werte.

Die Resonanz in Aschaffenburg war gut: „Wir hatten einen enormen Zu­spruch", berichtet Deutschlehrerin Jutta Faber-Behütuns. Wer letztlich am Pro­jekt teilnehmen durfte, wurde ausgelost. Im Deutschunterricht sei es nicht mög­lich, so intensiv zu arbeiten, ergänzt Bir­git Graß. Sie betreut den Deutsch-LK der 12. Jahrgangsstufe: „Dazu ist im Unter­richt einfach zu wenig Zeit."

 

„Jeder kann Poesie wahrnehmen"

Katrin Bibiella über ihr Literaturprojekt mit Schülern

Die Literatur­wissenschaftlerin Katrin Bibiella (43) hat die Schüler des Kronberg-­Gymnasiums vier Monate lang an alte und beileibe nicht einfache Werke der deutschen Literatur herangeführt. Moni Münch berich­tet sie von ihren Erfahrungen.

 

Haben Schüler noch Interesse an dieser alten Sprache?

Auf jeden Fall. Sie reizt aber auch der Aspekt, zu forschen. Wenn man sie fragt, bestätigen die Schüler auch, dass sie die Sprache schön fin­den - selbst wenn sie die alten Worte nicht in ihren Sprachgebrauch über­nehmen würden. Da hat diese Spra­che ja auch nichts zu suchen, es ist ja eine Literatursprache.

Aber ich denke, dass es für die Schü­ler eine Herausforderung und ein äs­thetisches Erlebnis ist, diese Worte wahrzunehmen und sie unter dem Aspekt der sprachlichen Achtsam­keit zu erforschen. Die Jugendlichen verstehen die alte Sprache auch. Wir denken vielleicht, wir könnten ihnen das nicht zumuten. Aber sie können damit gut umgehen und Dinge da­raus ziehen, die für sie wichtig sind.

 

Was ist ihre persönliche Motivation, sol­che Projekte anzubieten?

Mir liegt vor allen Dingen an der Poe­sie, am Schöngeistigen - was hohe Kunst, egal ob Musik, Malerei oder Sprache, mit sich bringt. Ich will zei­gen, dass jeder diese feinen Töne, diese Poesie, wahrnehmen kann.

 

Sie sind Literaturwissenschaftlerin, ­was bedeutet Sprache für Sie?

Sprache ist für mich das anfäng­liche Medium schlechthin. In Sprache steckt das ganze Schöp­fungspotential für das, was wir in der Welt ha­ben. Ich würde mich auf den be­rühmten Satz aus dem Prolog des Johannesevangeli­ums berufen: „Am Anfang war das Wort und alle Dinge sind durch das Wort gemacht." Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir könnten uns ohne Sprache nicht artikulieren - und wir benennen alle Dinge, schöpfen sie damit also letztlich. Außerdem geben wir uns selbst und unseren Empfindungen Aus­druck. Oft ist es ja auch so, dass Emp­findungen erst Prägnanz gewinnen, wenn ich ein Wort für sie habe.

 

Moni Münch (Main-Echo vom 12.02.08)

 


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