Latein

Fachprofil

 

„Mann, hör auf, ich kann kein Englisch!“

(Der römische Fußballstar Francesco Totti in einem Interview, konfrontiert mit dem lateinischen Zitat carpe diem.)

 

  • Die Besonderheiten des Lateinischen und der ihm eigenen Didaktik bedingen bestimmte Lern- und Arbeitstechniken, die im Lateinunterricht intensiv eingeübt werden und die für Schule und Leben grundlegend sind: So trainiert Latein analytisches und kombinatorisches Denken, fördert Ausdauer und Konzentration, erzieht zu Genauigkeit im Detail und systematischem Vorgehen, schult das Gedächtnis und die Fähigkeit, selbständig und einfallsreich neuartige und komplexe Aufgaben zu lösen.
  • Die intensive Sprachbetrachtung und das beständige Übersetzen entwickeln ein ausgeprägtes Sprachbewusstsein, fördern die Lesekompetenz und führen zu einem besseren Verständnis und sichereren Gebrauch der Muttersprache.
  • Die auf Ordnung und Systematik angelegte Vermittlung der lateinischen Grammatik verhilft zu einem modellhaften Verständnis für das Funktionieren von Sprache und schafft in Verbindung mit dem lateinischen Wortschatz eine hilfreiche Grundlage für das Erlernen romanischer Sprachen (z. B. Französisch, Spanisch, Italienisch). Der Anteil der Wörter lateinischen Ursprungs im gehobenen Englisch liegt bei über 60%.
  • Dass die aufgeführten Merkmale besonders deutlich dann ausgeprägt werden, wenn Latein als erste Fremdsprache gelernt wird, zeigt die Erfahrung unmissverständlich.

 

2. „Der Mensch, welcher kein Latein versteht, gleicht Einem, der sich in einer schönen Gegend bei nebligem Wetter befindet: sein Horizont ist äußerst beschränkt: nur das Nächste sieht er deutlich, wenige Schritte darüber hinaus verliert es sich ins Unbestimmte. Der Horizont des Lateiners hingegen geht sehr weit, durch die neueren Jahrhunderte, das Mittelalter, das Alterthum.“                      (Arthur Schopenhauer)

  • Die auf der Lektüre originalsprachlicher Texte basierende Beschäftigung mit lateinischer Literatur eröffnet nicht nur einen genaueren Einblick in die römische Kultur, sondern auch ein vertieftes Verständnis für deren grenzüberschreitende geschichtliche Wirkungsmacht sowie ihre zivilisierende und identitätsstiftende Kraft. Dieses Verständnis erlaubt eine plausible und von der Willkür geo- und wirtschaftspolitischer Setzungen freie Antwort auf die Frage, warum es sinnvoll ist, von Europa zu sprechen.
  • Als „Basissprache Europas“ bietet Latein einen authentischen Zugang zu Europas prägenden geistigen und kulturellen Traditionen und zu den zahllosen Zeugnissen, die unserer Kunst, Literatur und Musik ihre unverwechselbare Gestalt verleihen.
  • Die im Gewebe der europäischen Kultur vorhandenen „römischen“ Muster zu erkennen, bereitet zweifellos Vergnügen; zugleich ermöglicht diese Fähigkeit etwas, das gegenwärtig so sehr vermisst wird: Orientierung. Latein ist also auch eine Art Kompass.  

 

3. „Im Lateinischen steckt der Befehl zum aufrechten Gang, das Alphabet zur Charakterbildung.“ (Durs Grünbein)

  • Der unvermeidlich mikroskopische, gleichsam sezierende Blick auf die lateinischen Texte wird beständig begleitet von den Fragen „Was heißt das genau?“ und „Kann es das überhaupt heißen?“ Ein solcher Blick ist seinem Wesen nach kritisch und gewöhnt daran, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“.
  • Viele bedeutende lateinische Autoren, die heute im Lateinunterricht gelesen werden, hatten ein waches Gespür für die Gefährdungen ihres Gemeinwesens, ihrer res publica, und lassen eine ausgesprochene Gemeinwohlorientierung erkennen. Eine intensive Lektüre dieser Autoren weckt unweigerlich das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, in politischen Fragen nicht das Gemeinwohl aus den Augen zu verlieren.
  • Die Texte der sogenannten Schulautoren sind Zeugnisse einer vormodernen Kultur, die uns weitaus fremder sein dürfte als die der gegenwärtigen europäischen Nachbarländer. Gerade wegen ihrer Fremdheit aber regen diese Zeugnisse zu Vergleichen mit der eigenen Gegenwart an. Derartige Vergleiche führen häufig zu einem besseren Verständnis der Gegenwart. Dass diese Vergleiche außerdem nicht immer zum Vorteil der letzteren ausfallen, wird den Respekt gegenüber fremden Kulturen und eine gewisse Bescheidenheit bei der Bewertung unserer eigenen zu einem Gebot der Klugheit machen. 

 

4. „Nie wird es wieder eine Sprache wie Latein geben, nie mehr werden Präzision und Schönheit und Ausdruck eine solche Einheit bilden. Unsere Sprachen haben allesamt zu viele Wörter, man sehe sich nur die zweisprachigen Ausgaben an, links die wenigen, gemessenen Worte, die gemeißelten Zeilen, rechts die volle Seite, der Verkehrsstau, das Wortgedränge, das unübersichtliche Gebrabbel.“   (Cees Nooteboom)

 

Einige der hier zusammengestellten Fertigkeiten und Kenntnisse, die das Profil des Faches Latein beschreiben, gehören gewiss auch zur Selbstbeschreibung anderer Schulfächer. Die Stärke und Einzigartigkeit des Faches Latein liegt jedoch darin, dass es nicht nur die eine oder andere dieser Fertigkeiten, Kenntnisse und Haltungen, sondern sie alle und in ihrer Gesamtheit vermittelt.

 

 

                                                                                                    M. Gatzmaga, Fachbetreuer Latein und Griechisch

 

 

Das ausführliche Fachprofil und den Fachlehrplan geordnet nach Jahrgangsstufen findet man beim Staatsinstitut für Bildungsforschung (ISB).

 


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